Die Poesie der Freiheit

Ein Gespräch mit dem syrischen Lyriker Adonis über den Islam und Europa

Von Werner Bloch (Gesprächsführung)

DIE ZEIT: Herr Adonis, 1995 hat man Sie aus dem syrischen Schriftstellerverband ausgeschlossen, weil Sie für normale Beziehungen zu Israel plädierten. Würden Sie das heute auch noch tun?

Esber Ali Adonis: Es geht nicht mehr um die Existenz Israels - die meisten arabischen Staaten haben Israel ja anerkannt, und viele Araber haben persönliche Beziehungen mit Israel. Jetzt geht es um die Frage, inwieweit dieses Land zum Nahen Osten gehört: Weiß Israel, dass dieser Nahe Osten der Ort einer großen Vermischung von Völkern, Rassen, Religionen und Kulturen ist? Diese Vermischung ist die Lebensgrundlage seit 5000 Jahren. Wenn Israel wirklich zum Nahen Osten gehören will, will es dann wirklich seine Position gefährden? Wann wird es beispielsweise eine gemischte Erziehung geben, auf die Nichtjuden ebenso Anspruch haben werden wie Juden? Wird es ein gemischtes Familienrecht und ein gemischtes Erbrecht geben? Als ich diese Fragen auf einer Unesco-Konferenz in Granada formulierte, bekam ich - außer von den Israelis - viel Applaus. Jetzt wiederholen alle in der arabischen Welt, was ich damals sagte: Israel darf kein Ghetto bilden, sondern es muss als ihr Bestandteil in der Welt des Nahen Ostens leben. Aber die Politik macht das zurzeit unmöglich.

ZEIT: Es heißt immer, die Poesie habe in den arabischen Ländern einen größeren Einfluss als im Westen, sie sei das schlagende Herz der Kultur ... Wird die Poesie in den arabischen Ländern tatsächlich anders gewertet als bei uns? Was kann ein Dichter in der arabischen Welt bewirken?

Adonis: Natürlich hat die arabische Poesie ein viel größeres Publikum. Doch das sagt wenig über den Wert der Dichtung an sich aus. Was mich interessiert, ist eine Poesie, die die Welt infrage stellt, aber auch die Kunst und also sich selbst. Ein Dichter muss die Geschichte seines Landes und der Welt und auch seine Kultur immer wieder neu schaffen, indem er sie schreibt. Das versuche ich, in der Nachfolge von Heraklit und von Nietzsche. Ich will eine neue arabische Kultur, eine neue Geschichte und Zivilisation begründen.

ZEIT: Sie haben glühende Verehrer, werden aber von manchen in der arabischen Welt auch als Teufel gesehen. Sie kritisieren nicht einzelne Regime, sondern die Fundamente des islamischen Denkens, bringen sie mit einem Mangel an Demokratie und Freiheit in Verbindung.

Adonis: Das Judentum und der Islam betonen, Gott habe den Propheten sein letztes Wort anvertraut. Der Mensch hat folglich nichts mehr zu sagen. Er kann das Wort Gottes nur noch interpretieren und wiederholen. Selbst Gott hat in dieser Situation nichts mehr zu sagen, weil er sich sonst verleugnen würde. Deshalb behaupten die Muslime, Mohammed sei das Siegel des Propheten, der letzte Prophet. Wenn man in diesem Geist aufgewachsen ist, bedeutet das: Man selbst ist im Besitz der absoluten Offenbarung, jeder Nichtgläubige aber hat keinerlei Zugang zur Wahrheit. Er wird sie erst dann erkennen, wenn er wird wie ich selbst. Bis dahin bleibt er ein Fremder, es gibt keinen Dialog mit ihm. In dieser Sichtweise kann man weder Demokratie noch Menschenrechte, noch Freiheit haben. Der Westen hat die Demokratie geschaffen, und er hat noch viel damit zu tun, sie umzusetzen. Der Islam kann sich jedoch nicht demokratisieren, das ist völlig unmöglich, weil das Leben für ihn mit der religiösen Offenbarung verknüpft ist. Heute in der arabischen Welt von Demokratie zu sprechen ist für mich Blabla. Die Demokratisierung kann es auch in Syrien oder Jordanien nicht geben, wo jetzt junge Machthaber regieren.

ZEIT: Muss man den Amerikanern dann nicht dankbar sein, wenn sie Afghanistan und vielleicht bald Saddam Hussein angreifen und die Demokratie von außen bringen?

Adonis: Keineswegs. Das ist ja eine Demokratie nach ihrem Bild, nach ihren Interessen, eine Demokratie, die die Amerikaner selbst fabriziert haben, nicht eine, die aus der Bewegung des Volkes hervorgeht. Sie ist also sinnlos. Eine Demokratie muss auf der Wahl eines Volkes beruhen, das bedeutet ja Demokratie. Eine solche Wahl gibt es nur, wenn die Religion und die Politik getrennt sind.

ZEIT: Das Volk kann sich aber doch nicht von allein gegen Saddam Hussein auflehnen.

Adonis: Ich bin gegen Saddam Hussein auf allen Ebenen. Aber ich bin gegen einen Krieg. Einen bin Laden kann man nicht von außen wegbomben. Man kann ihn nur aus seinem eigenen Kulturkreis heraus beseitigen. Und es gibt viele bin Ladens. Man muss dem Volk helfen, damit es selbst sich auflehnen und seine eigene Revolution durchführen kann. Doch die Amerikaner sprechen nicht mit arabischen Oppositionellen, sondern mit den Machthabern und den Geschäftsleuten. Die Menschenrechte wurden in Europa erfunden. Doch leider spielt Europa nicht mehr die historische Rolle, die ihm zukommt. Europa hat die moderne Welt, in der wir leben, erfunden. Fast jedermann in den arabischen Ländern zieht Europa vor. Aber leider sind die Amerikaner im Augenblick stärker.

ZEIT: Warum sollten die Europäer eher mit der arabischen Welt kommunizieren können als die Amerikaner?

Adonis: Es gibt zwischen Europa und der arabischen Welt eine gemeinsame Geschichte, schon in vorislamischer Zeit wurde zwischen beiden Ufern des Mittelmeers ein Dialog geführt. Sogar der Name des Kontinents Europa stammt von einer phönizischen, wenn man so will: libanesischen Göttin, die Europa hieß. Zeus ließ Europa aus der Stadt Tir, heute im Südlibanon gelegen, entführen. Ihr Bruder suchte nach ihr in den meisten der Länder, die heute zu Europa gehören, und er hat von dort die Buchstaben des Alphabets mitgebracht.

Deshalb sind Orient und Okzident für mich keine kulturellen Begriffe. Es sind politische und wirtschaftliche Begriffe aus neuerer Zeit. Man muss diese Begriffe überwinden. Es gibt keinen Orient und keinen Okzident, es gibt nur den Menschen und Variationen der menschlichen Geschichte je nach Ländern, Reichtümern et cetera. Ich meine, dass Europa das östliche Mittelmeerufer besser verstehen kann als Amerika.

ZEIT: Sie sagen, es gebe in der arabischen Kultur einzigartige Qualitäten. Welche?

Adonis: Die liegen immer außerhalb der Regierungen. Das beginnt mit der vorislamischen Poesie. Sie ist außergewöhnlich und hat das Niveau der großen griechischen, indischen und chinesischen Dichtung. Eine Poesie der Freiheit, der Liebe, des Körpers. Abu Nawas hat zur Zeit der Abessiden dasselbe getan wie Baudelaire: Er hat die Stadt in neuem Licht gesehen, das Alltagsleben - den Wert des Vergänglichen und des Ewigen. Er sagte immer: Mich interessiert nur das Verbotene. Das Verbotene ist mein Königreich.

Al-Ma'ari hat vor einem Jahrtausend die Religion rundheraus abgelehnt. Er sagte, es gebe zwei Arten von Menschen: Entweder man habe die Religion und keine Vernunft, oder man habe die Vernunft und keine Religion. Seine ganze Poesie ist eine Religionskritik. Cioran, der Schriftsteller des Absurden, hat mir einmal gesagt: Wenn ich gewusst hätte, dass ihr einen Dichter wie al-Ma'ari habt, hätte ich nicht geschrieben. Warum sollte man nach ihm noch schreiben?

Dann gibt es noch die Mystiker und ihre Revolution. Sie waren die eigentlichen Surrealisten - ich habe darüber und über den französischen Surrealismus ein Buch geschrieben. Die Mystiker sagen: Die Wahrheit ist eine ständige Suche. Die Wahrheit kommt aus dem Unbekannten. Sie ist immer zukünftig - und sie kommt nie. Wir sind immer auf der Suche nach der Wahrheit. Deshalb ist die Mystik nicht nur bei den Fundamentalisten, sondern fast überall im Islam verboten.

Immer wenn die Religion nichts vorschreibt, ist die arabische Kultur großartig. Poesie, Philosophie, Musik, Kunst - warum war die arabische Architektur so absolut außergewöhnlich? Weil es keine religiösen Referenzen und Vorschriften gab. Alles, was in der arabischen Kultur frei davon ist, ist außergewöhnlich.

Adonis, 1930 geboren, gilt als Leitfigur der modernen arabischen Lyrik

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